Volksmarine
Volksmarine

Volksmarine

Nach der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 wurde die Hauptverwaltung Seepolizei offiziell am 15. Juni 1950 gebildet. Neben der Grenzsicherung beschäftigte sie sich auch mit dem Aufbau einer umfangreicheren Küstenverteidigung. So begannen bereits 1952 Entwicklungsarbeiten für ein größeres Torpedo-Schnellboot (Projekt „Lachs“) durch das Institut für Schiffbautechnik Wolgast. Während dieses Vorhaben jedoch 1957 abgebrochen wurde, lief die parallel laufende Entwicklung des Torpedo-Schnellbootes „Forelle“ des Konstruktionsbüros Rosslau weiter. 1952 wurde mit dem Bau begonnen und 1955 die See-Erprobungen eingeleitet. Allerdings wurde auch dieses Projekt eingestellt, da es zu große Probleme mit dem DDR Nachbau des deutschen Schnellbootmotors MB 511 gab. Zwei noch fertig gestellte Boote wurden mit sowjetischen Dieselmotoren ausgerüstet und 1963 für die Grenzsicherung kurzzeitig in Dienst genommen.
In dem 1954 verabschiedeten „Plan für den Ausbau der Volkspolizei See“ war u.a. eine Schnellbootsbrigade mit drei Schnellbootsdivisionen und insgesamt 36 Booten vorgesehen. Sie sollten ab 1956 zulaufen. Nachdem die dafür vorgesehenen Eigenentwicklungen (Lachs und Forelle) jedoch keinen Erfolg versprachen wurde auf sowjetische Boote zurückgegriffen.
Am 18. Januar 1956 war die Nationale Volksarmee (NVA) gegründet worden, zwei Monate später (am 1.3.56) nahm die Abteilung Seestreitkräfte im Ministerium für Nationale Verteidigung in Strausberg ihre Arbeit auf. Am gleichen Tag wurde auch das Kommando der Seestreitkräfte in Rostock aufgestellt. Ein Jahr später liefen die sowjetischen Torpedoschnellboote des Projektes 183, von der NATO als P-6 bezeichnet, zu. Diese Boote waren auf der Basis der amerikanischen Weltkriegs-II-Boote entwickelt, von denen die Sowjetunion seinerzeit mehr als 200 Einheiten im Rahmen der Kriegshilfe erhalten hatte. Die ersten P-6 wurden im November 1957 im Marinestützpunkt Parow übernommen, weitere Boote folgten in den Jahren 1958 und 1960. Insgesamt 27 Boote wurden in einer Brigade mit drei Abteilungen (2., 4. und 6. Abteilung) zu je neun Booten zusammengefasst.

Schnellboot P-6

Am 3. November 1960 – dem 42.ten Jahrestag des Kieler Matrosenaufstandes – wurden die Seestreitkräfte offiziell in „Volksmarine“ umbenannt. Gleichzeitig wurde festgelegt, „…den Schiffen und Booten der Volksmarine Namen zu geben, die den revolutionären Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung und dem sozialistischen Aufbauwerk der DDR entsprechen.“ Die Schnellboote erhielten dabei vorrangig Namen von Widerstandskämpfern und Teilnehmern am Spanienkrieg. Allerdings wurden die Namen aus Geheimhaltungsgründen nur intern geführt, nach außen zeigten die Boote weiterhin von Zeit zu Zeit wechselnde Nummern.
Ebenfalls am 3. November 1960 wurde eine neue Dienstflagge für die Volksmarine eingeführt. Auf rotem Grund zeigte sie ein schwarz-rot-goldenes Band mit dem Staatswappen der DDR. Die übrigen Verbände der NVA führten weiterhin die Farben Schwarz-Rot-Gold mit dem Staatswappen.

Schnellboot Osa-I

1962 erfuhr die Volksmarine eine wesentliche Verstärkung ihrer Kampfkraft durch die Einführung moderner Raketenträger. In diesem Jahr traten die ersten von insgesamt 15 Raketenschnellbooten des Projektes 205, NATO-Bezeichnung Osa-I, in den Dienst der Volksmarine. Bis 1965 war die Lieferung komplett, die Boote formierten sich zu drei Raketenschnellbootsabteilungen (1., 3. und 5. Abteilung) mit je vier Booten. Die restlichen drei Einheiten wurden der Schnellbootsschulabteilung zur Verfügung gestellt.

Schnellboot Osa-I (Achterschiff)

Ab 1967 begann die Außerdienststellung der P-6 Boote, von denen einige noch weiter zur Grenzsicherung oder als Zielboote genutzt wurden. Ein Boot („Willi Bänsch“ – Nr. 844) ging am 31.08.1968 nach einer Kollision im Nebel mit dem schwedischen Fährschiff Drottningen verloren, sieben Besatzungsmitglied fanden dabei den Tod. Mit der Außerdienststellung der P-6 wurden ab 1968 neue sowjetische Torpedoschnellboote des Projektes 206, NATO-Bezeichnung Shershen übernommen. Von 1968 bis 1971 liefen insgesamt 18 Boote dieser Klasse zu, so dass die drei weiter bestehenden Abteilungen (2., 4. und 6.) nun über je sechs Boote verfügten.

Schnellboot Shershen
Vorschiff Shershen

1981 gingen zwei der OSA-I Boote wegen Überalterung außer Dienst, die restlichen 12 waren bei der Vereinigung noch in Dienst, sie wurden später über die VEBEG veräußert.
Zur Verstärkung und Modernisierung der Raketenkräfte wurden von 1984 bis 1986 fünf Fahrzeuge des Projektes 1241 RÄ, NATO Bezeichnung Tarantul, von der Sowjetunion geliefert. Diese Boote hatten die gleichen Raketen (P21 und P 22) wie auch die Küstenraketen Komplexe Rubesh mit einer Reichweite bis zu 43 sm. Beide Raketen, die eine mit Radar-, die andere mit Infrarot-Suchkopf konnten als Salve aus den Doppelstartern verschossen werden. Mit den vier Gasturbinen konnten 4 Fahrtregime genutzt werden:
1-alle 4 Turbinen auf 2 Wellen (Höchstgeschwindigkeit ca 45 Kn)
2-2 Gefechtsturbinen auf 2 Wellen
3-2 Marschturbinen auf 2 Wellen (Minimalgeschwindigkeit 8 Kn)
4-1 Marschturbine auf 2 Wellen über Querwelle (Minimalgeschwindigkeit ca. 2Kn), allerdings keine gute Manöverierfähigkeit.
Von den fünf Booten wurde nach der Vereinigung eines (ehemalige Pt. Nr. 572 – Rudolf Eglhofer) unter dem Namen Hiddensee (P 6166) kurzzeitig übernommen, später an die USA zur Erprobung weiter gegeben (www.steelnavy.com/tarantul.htm). Ein zweites (ehemalige Pt. Nr. 575 – Hans Beimler) befindet sich im Raketenmuseeum in Peenemünde.

Tarantul-Klasse

Ein späteres, eigenständiges Projekt der DDR lief unter der Bezeichnung 151, NATO Bezeichnung Balcom-10. Von den insgesamt 12 Booten wurde das erste noch am 31.07.1990 unter dem Namen Sassnitz in Dienst gestellt. Allerdings ohne Raketen, da diese aufgrund der politischen Entwicklung nicht mehr von der Sowjetunion geliefert wurden. Zusammen mit den zwei Folgebooten ging die Sassnitz 1991 an den Bundesgrenzschutz See.

Balcom-10

Übersicht Technische Daten:

Abmessungen
(L, Br, T. in m)
Größe in t / BesatzungBewaffnungMotoren (PS),
Wellen, Geschw.
Forelle27,7 – 7,2 – 1,0565 t, 12 Mann2 TR, 1×2-25mm,
1×2 MG
2 bzw. 4 DM
(2500 / 1200 PS)
P-625,4 – 6,2 – 1,2567 t, 14 Mann2 TR, 2×2-25 mm,4 DM (1190 PS)
4 – 45 kn
Shershen34,6 – 6,8 – 2,78145 t, 24 Mann4 TR, 2×2-30 mm3 DM (4000 PS)
3 – 46 kn
OSA-I39,6 – 7,6 – 2,9200 t, 28 Mann4 FK, 2×2 30 mm3 DM (3000 PS)
3 – 39 kn
Tarantul56,1 – 11,3 – 3,9420 t, 38 Mann2×2 FK, 1x Flug-
abwehr FK (Strela),
1x 76 mm,
2x30mm Gatling
2 GefechtsTurb. (12000 PS)
2 MarschTurb.(4000 PS)
2 – 45 kn
Sassnitz48,9 – 8,6 – 2,2347 t, 33 Manngeplant 6 FK, 1x
Strela, 1×76 mm
3 DM (5400 PS)
3 – 35 kn

Während bei den größeren Booten auf Lieferung von der Sowjetunion gesetzt wurde, betrieb die Volksmarine frühzeitig eine eigenständige Entwicklung bei den Kleinschnellbooten. Sie knüpfte hierbei an die Entwicklung der Kriegsmarine an und entwickelte drei Typen:

Iltis (Projekt 63)
Davon wurden in den Jahren 1964 bis 1966 30 Boote in Dienst gestellt und in drei Abteilungen zu je 10 Booten formiert. Diese Boote gingen in den Jahren 1973 bis 1977 nach etwa 10jähriger Nutzungszeit wieder außer Dienst. Ein Boot (Bau-Nummer 63.325) mit der letzten Bordnummer 974 liegt z.Zt. im Freigelände des Marinemuseums Stralsund.

Kleinschnellboot Iltis

Hydra (Projekt 68)
In den Jahren 1967 bis 1968 liefen insgesamt 18 Boote zu und wurden in einer Brigade zusammengefasst, sie blieben ebenfalls 10 Jahre in Fahrt und stellten ab 1977 außer Dienst.

Kleinschnellboot Hydra

Libelle (Projekt 131)
In den Jahren 1974 bis 1977 wurden 30 Boote in Dienst gestellt und in zwei Brigaden zu je 15 Booten zusammengefasst. Ab 1984 – ebenfalls nach etwa 10 Jahren Betriebszeit – wurden die ersten Boote wieder außer Dienst gestellt, die letzten folgten 1986. Ein Boot (Nr. 951) sank 1986 nach Kollision mit einem Raketenschnellboot, ein Toter war zu beklagen. Ein Boot dieser Klasse (Bau-Nummer 131.410) ist zur Zeit in der Wissenschaftlichen Sammlung von Peter Tamm in Hamburg ausgestellt, ein weiteres (Bau-Nummer 131.423) im Deutschen Marinemuseum in Wilhelmshaven zu besichtigen, ein drittes (Bau-Nummer 131.426) liegt im Militärhistorischen Museum Dresden und ein viertes (Bau-Nummer 131.408) im Freigelände des Marinemuseums Stralsund.

Kleinschnellboot Libelle

Übersicht Technische Daten:

Abmessungen
(L, Br, T. in m)
Größe in t / BesatzungBewaffnungMotoren (PS),
Wellen, Geschw.
Iltis14,8 – 3,4 – 1,0516,8 t, 3 Mann2 TR2 DM (1200 PS)
– 2 – 52 kn
Hydra17,1 – 3,6 – 0,915,7 t, 3 Mann3 TR, Minen2 DM (1200 PS)
Libelle18,9 – 4,5 – 1,728 t, 5 Mann2 TR, 2×23 mm,
Minen
3 DM (900 PS)
3 – 48 kn

Der Auftrag:
Im Rahmen der Gesamtstrategie des unter sowjetischer Führung agierenden Warschauer Paktes gehörte das Gebiet nördlich der Elbe einschließlich der Ostseeausgänge sowohl zum Westlichen wie Nordwestlichen Kriegsschauplatz. Die Nationale Volksarmee hatte mit den Truppen des Militärbezirks V (nördl. Teil der DDR) sowohl in strategischer Richtung I (Küstenfront = Norddeutschland, Nordseeküste, Holland) wie in strategischer Richtung VI (Jütland), hier vor allem mit polnischer Beteiligung, offensiv vorzugehen.
Unterstützung bei der Einnahme der dänischen Inseln und Aufbrechen der Ostseeausgänge war im Rahmen dieser Strategie Aufgabe des gemeinsamen Oberkommandos. Ihm unterstanden die Baltische Rotbannerflotte, die Polnische Seekriegsflotte und die Volksmarine. Für die Volksmarine lautete der damalige Auftrag (1974): „…Durchführung gemeinsamer Handlungen der verbündeten Ostseeflotten zur Zerschlagung der Flottenkräfte des Gegners in der Ostsee und Teilen der Nordsee, zur Einnahme der BELT-SUND-Zone sowie zur Unterstützung der in Küstenrichtung handelnden Gruppierungen der Vereinten Streitkräfte.“
Bis in die zweite Hälfte der 80er Jahre war die Rolle der Vereinten Ostseeflotte und der Volksmarine unverändert: „Das allgemeine Ziel der 1. Operation im Rahmen des strategischen Angriffs besteht in der Erringung der Seeherrschaft in der Ostsee…., im Durchbruch der Kräfte in die Nordsee und der Erringung der Seeherrschaft in diesem Gebiet. …Die Durchführung einer Luft-Seelandeoperation zur Einnahme der Inseln der Sund- und Beltzone soll so früh wie möglich erfolgen.“
Dazu formierte die Volksmarine neben dem Verband der Landungsschiffe einen Verband der Stoßkräfte, die 6. Flottille. Anfangs in Sassnitz stationiert wechselte sie ab Beginn der 70er Jahre nach Dranske (Rügen) und umfaßte alle Schnellboote, einschließlich der größeren Einheiten der Tarantul und Balcom-10 Klasse. Ebenso wie die Landungsschiffe wäre die 6. Flottille im Krieg von dem Kommando der Volksmarine in Rostock-Gehlsdorf direkt geführt worden.
Gegliedert war die Flottille in Brigaden, die in der Regel wiederum aus Abteilungen bestanden. In den 70er Jahren gab es je eine Raketen-Schnellboots-Brigade (RSB) und Torpedo-Schnellboots-Brigade (TSB) sowie eine Leichte-Torpedo-Schnellboots-Brigade (LTSB). Ende der 80er Jahre gab es vier Raketen-Schnellboots-Brigaden (1., 3., 5. und 7.) sowie eine Torpedo-Schnellboots-Brigade ( 9.).
Übungen mit den anderen Ostseeflotten des Warschauer Paktes wurden seit 1957 regelmäßig durchgeführt. Im Sinne der strategischen Kopplung mit dem nördlichen Kriegsschauplatz erfolgten die Manöver fast immer im Verbund mit der sowjetischen Nordflotte bzw. Teilen derselben. Einheiten der 6. Flottille kamen dabei aber nicht über die westliche Ostsee hinaus, auch Übungen in außerheimischen Gewässern mit Hafenaufenthalten fanden bis auf solche in Polen und der Sowjetunion nicht statt. Sehr hoch war über die Jahre hinweg die Gefechtsbereitschaft gegenüber dem „aggressiven NATO-Block mit seiner Fähigkeit zum Überraschungsangriff“. Gemäß den Weisungen des gemeinsamen Oberkommandos mussten die Einheiten in der Lage sein, die Häfen binnen einer Stunde voll ausgerüstet zu verlassen. Erst 1988 setzte der damalige Chef der Volksmarine, VAdm. Hoffmann eine Auslaufzeit von 5 Stunden durch.
Besondere Erkennungszeichen der Boote gab es in der Volksmarine nicht. Zwar wurden Wappen für bestimmte Kategorien von Kräften eingeführt, beispielsweise für die Raketen- und Torpedokräfte sowie für Kleine Torpedoschnellboote. Zeitweilig wurde dies auch an den Aufbauten geführt, ohne dass sich dadurch eine weitere Identifizierung ergab.

Wappen der Raketen- und Torpedokräfte
Wappen der kleinen Torpedoschnellboote
Schwarze Zahlen:
I = Küstenoperationsrichtung
II = Operationsrichtung Ruhrgebiet
III = Luxemburgische Operationsrichtung
IV = Bayrische Operationsrichtung
V = Alpenoperationsrichtung
VI = Jütländische Operationsrichtung
NW KSP = Nordwestlicher Kriegsschauplatz
(Min. f. Nat. Vtg., Ausgabe 1981 vgl. Naumann)

Quellen:

Mehl, Hans – Die andere deutsche Marine, Berlin 1992
Naumann, Klaus (Hrsg.) – NVA: Anspruch und Wirklichkeit, Berlin 1993
Breyer, Siegfried / Lapp, Peter Joachim – Die Volksmarine der DDR, Koblenz 1985
Holger Neidel, ehem. Kdt. Tarantul-Klasse P 571
Zeichnungen: Schnellbootflottille; Fock, Harald, Schnellboote Bd. 3; Mehl und Breyer
Bilder: Frank, Mehl, Neidel